In diesem Frühjahr nahm Martin an sieben Aktionen von «Öl tötet» teil. An allen, ausser derjenigen im Tessin und der Petro-Detox-Tour. Porträt einer Person, die beschlossen hat, Gerechtigkeit zu ihrem Lebensziel zu machen.
Als ich Martin fragte, ob er mir für diesen Newsletter telefonisch ein paar Fragen beantworten könne, antwortete er, dass er sowas überhaupt nicht möge, aber dennoch bereit sei, es zu tun. Eine Grosszügigkeit, die perfekt die Haltung eines Menschen widerspiegelt, der sich selbst als «eher schüchtern» bezeichnet, aber nicht zögert, Risiken einzugehen und sich ins Rampenlicht zu stellen, um Ungerechtigkeit und Benachteiligung zu bekämpfen, die er nicht erträgt und die ihm «wehtun».
Diese Gefühle sind nicht neu, sie waren bereits vorhanden, als er Anfang der 90er Jahre als erfahrener, aber auch von Geschwindigkeit begeisterter Radfahrer täglich 38 km mit dem Fahrrad zurücklegte und dabei sein Leben riskierte. Damals gab es so gut wie keine Infrastruktur für Radfahrer:innen, was zu mehreren Unfällen führte, deren Narben er noch heute trägt. «Ich bin froh, noch am Leben zu sein», sagt er. Heute hat sich die Situation für Radfahrer:innen verbessert, zum Teil dank der Mobilmachungen, an denen Martin in seiner Jugend teilgenommen hat. Gleichzeitig hat auch er selbst sich verändert. Der heute 56-Jährige verrät humorvoll, dass er erst vor relativ kurzer Zeit entdeckt hat, dass es nicht das Hauptziel der Autofahrer:innen war, ihn zu vernichten.
Neben den Velo-Demos sieht Martin den Moment, in dem er sich wirklich politisiert hat im Jahr 1987, als die autonome Wohnsiedlung Zaffaraya, auf einem brachliegenden Gelände am Stadtrand von Bern, gewaltsam von der Polizei geräumt wurde. Angetrieben von einem Gefühl des Unverständnisses und der Ungerechtigkeit stellte er sich auf die Seite der Betroffenen.
Sich auf die Seite der Schwächsten zu stellen, ist etwas, das er seitdem in seinem Leben stets getan hat, sei es in der SP, bei act now!, beim Klimastreik, bei Debt for Climate, bei der Swiss Coalition against Glencore, in der LGBTQIA+-Bewegung oder in seinem beruflichen Werdegang. Als er sich politisch engagierte, lebte er in Zürich, wo die offene Drogenszene zu seinem Alltag gehörte. Er interessierte sich schon immer für die sozialen Aspekte von Suchterkrankungen und arbeitet derzeit im Auftrag des BAG als Web-Publisher im Bereich Suchterkrankungen. Zudem ist er verantwortlich für die Website stop-tabac.ch, wo er für die Funktionalität der Links sorgt, die sich auf dem QR-Code der Zigarettenpackungen befinden. «Wirklich lustig», sagt er. Tatsächlich orientiert sich die Kampagne «Öl tötet» an den Präventionskampagnen gegen das Rauchen und fordert, ähnliche Warnhinweise an den Zapfsäulen anzubringen. Auf diesen Aufklebern führt ein QR-Code zu einer Website, auf der sowohl individuelle als auch kollektive Klimaschutz-Massnahmen vorgeschlagen werden.
Handeln trotz der Verzweiflung
Hat Martin deshalb an fast allen Frühlingsaktionen teilgenommen? Eigentlich nicht, seine Motivation reicht viel tiefer. «Ich engagiere mich für das Leben und für zukünftige Generationen, für meine drei erwachsenen Kinder und vielleicht eines Tages für meine Enkelkinder. Nichts zu tun ist keine Option. Auch wenn ich nicht genau weiss, wohin das führt, ist es das einzig Mögliche für mich.» Dennoch gibt er zu, dass er nicht viel Hoffnung hat, dass seine Kinder ein schöneres Leben führen können als er selbst; er ist sich ziemlich sicher, dass dies nicht der Fall sein wird. Er erinnert sich, wie er im Zug auf dem Weg zu einer Aktion in Genf im vergangenen April aus dem Fenster schaute und dachte, dass er in dieser Welt nicht leben wolle, die ihm nicht mehr gefiel. Ein tiefes Gefühl der Verzweiflung und Traurigkeit, nachdem grosse Hoffnungen heute in zahlreichen Krisen, Kriegen und der allgemeinen Verleugnung untergegangen sind. Und doch führen diese Gefühle für Martin keineswegs in die Untätigkeit – ganz im Gegenteil.
Er selbst spricht von einer gewissen Ambivalenz – zwischen der Verzweiflung über die aktuelle Situation und der Aussicht auf eine bessere Welt, zwischen der Angst, sich zu exponieren, und dem Drang, es trotzdem zu tun, zwischen der Anstrengung, die es ihm abverlangt, und dem Stolz, den er daraus schöpft. «Eine Aktion wie in Payerne übersteigt meine Kräfte, es ist zu viel, das weiss ich, aber ich tue es trotzdem. Es ist nicht einfach, aber ich glaube, jede:r erlebt es so.» Seine Partnerin und seine Kinder verstehen, was er tut und warum, engagieren sich aber selbst für andere Anliegen, wie zum Beispiel existenzsichernde Löhne und die Rechte queerer Minderheiten.
Mir wird klar, dass Martin über das Streben nach Ergebnissen hinaus in der Aktion auch einen persönlichen Sinn findet, eine Möglichkeit, seine Werte, seinen Wunsch nach Gerechtigkeit und Chancengleichheit sowie sein Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck zu bringen. Tatsächlich sagt er es selbst: «Im Hintergrund stehen die Ideen und die Hoffnung auf eine bessere Welt, aber im Moment selbst überwiegen andere Aspekte.»
Er spricht zum Beispiel von seiner privilegierten Situation und relativiert sie im Vergleich zu der anderer Aktivist:innen weltweit. Martin erinnert daran, dass jedes Jahr etwa 200 Umweltaktivist:innen ermordet werden oder verschwinden. «Hier riskieren wir nicht unser Leben, und das ist nicht überall so. Im Auto, das mich nach der Aktion auf dem Militärflugplatz von Payerne zur Polizeiwache brachte, dachte ich an all die Menschen, die, wären sie in einer solchen Situation, vielleicht nie wieder zurückkommen würden.»
Auch in der Gemeinschaft findet er Sinn. Er, der sich selbst als schüchtern bezeichnet, ist stolz darauf, die Kraft zu finden, allein an einen neuen Ort zu gehen, mit Menschen, die er nicht kennt. Er spürt, dass seine Anstrengung mit Geselligkeit bei den Vorbereitungen auf eine Aktion, mit Freundschaft, Verbundenheit und der Aufregung vor dem Unbekannten belohnt wird. «Wenn wir aktiv werden, sitzen wir alle im selben Boot», sagt er.
Gerechtigkeit als Horizont
Schliesslich ist es ganz eindeutig das Wort «Gerechtigkeit», das als roter Faden in seinem Leben hervorsticht, wenn ich ihn frage, wie die Welt aussehen würde, in der er leben möchte. «Wir, die Menschen im Norden, zerstören alles, und die Menschen im globalen Süden zahlen die Zeche dafür.» Auch wenn wir in der Schweiz ebenfalls überdurchschnittlich stark von der Klimakrisebetroffen sind, verfügen wir doch über mehr Mittel und tragen daher eine grössere Verantwortung. Was bei Martin zudem auffällt, ist der trotz einer äusserst ernsten Lage fröhliche Sinn für Humor und eine gewisse Unbeschwertheit. «Ich bin stolz darauf, nie Autofahren gelernt zu haben. Autos sind gefährlich, hässlich, stinken, nehmen zu viel Platz weg und kosten die Gesellschaft zu viel – sie sind die Hölle. Ich träume von einer Welt, in der man sie komplett abgeschafft hätte.«
📷 © act now!, Raimond Lueppken / Alto Press, Bénédict Betterman / Alto Press






























