Für seine Masterarbeit im Studiengang «Grundlagen und Praktiken der Nachhaltigkeit» an der Universität Lausanne führte riwal Interviews mit Aktivist:innen und analysierte die theoretischen Grundlagen mehrerer Organisationen des A22-Netzwerks (act now!, Neue Generation, Aterstall Vatmarker, Ultima Generazione, Last Generation und Climate Liberation Aerotera). Seine Forschungsfrage lautete: Wie bewerten, organisieren und koordinieren Bewegungen für Klimagerechtigkeit, die sich für gewaltfreien zivilen Widerstand und momentum-driven organising engagieren, die Entwicklung ihrer Ziele und Mittel? Hier beantwortet er einige unserer Fragen zu seiner Arbeit, die er am 12. Juni brillant verteidigt hat.
In deiner Masterarbeit schilderst du deine persönliche Bewusstwerdung und wie du begonnen hast, dich im zivilen Widerstand zu engagieren, nämlich nachdem du gesehen hast, wie sich Alizée von Dernière Rénovation 2022 am Netz des Roland-Garros-Platzes festgebunden hat. Kannst du deine persönliche Erfahrung mit Aspekten verknüpfen, die du im Rahmen deiner Masterarbeit untersucht hast?
Ja, ich habe mehrere Studien gelesen, die zeigen, dass gewaltfreie Störaktionen – auch wenn sie die Öffentlichkeit polarisieren oder bei bestimmten Gruppen Widerstand hervorrufen können – in bestimmten Kontexten auch die Unterstützung für die vertretene Sache fördern, das Engagement steigern und sogar dazu beitragen können, die Klimakrise im Bewusstsein der Menschen zu einem zentralen Thema zu machen. Meine Reaktion auf Alizées Aktion passt in den Rahmen dieser Ergebnisse, auch wenn sicherlich Faktoren aus meiner persönlichen Biografie eine Rolle gespielt haben, die meine Haltung verstärkten, nachdem ich von der Aktion erfahren hatte.
Du sprichst von deiner persönlichen Unkenntnis in Bezug auf disruptive politische Aktionen für den Klimaschutz sowie von der geringen Beachtung dieses Themas in der Forschung im Vergleich zu anderen. Was hast du gelernt und was erscheint dir wichtig, mit Menschen zu teilen, die sich damit nicht gut auskennen?
Ich habe ein starkes theoretisches Erbe entdeckt, nämlich das der Gewaltfreiheit und des zivilen Widerstands, auf das sich die untersuchten Akteur:innen ausdrücklich berufen. Gewaltfreiheit als Strategie wird durch historische Beispiele, die ihre Wirksamkeit belegen, solide untermauert. Dieses Erbe ermöglicht es Bewegungen, angesichts der aktuellen Sackgassen weiterhin Wege für emanzipatorisches und konsequentes kollektives Handeln aufzuzeigen – nämlich jenseits von rein institutionellen und ausschliesslich reformistischen Massnahmen, die nicht an den Kern der Probleme herankommen – die Systeme der Unterdrückung und Ungerechtigkeit – oder im Gegensatz dazu rein individualistische Initiativen.
Du hast festgestellt, dass die meisten, wenn nicht sogar alle untersuchten Organisationen darauf abzielen, einen tiefgreifenden Wandel der Normen und Werte in der Gesellschaft herbeizuführen. Wie arbeiten diese Organisationen daran, dieses Ziel zu erreichen?
Sie verfügen über kooperative Strukturen, Werte oder Visionen, die ausdrücklich progressiv und alternativ sind und fast immer darauf abzielen, eine neue Sichtweise auf Konflikte, die Menschheit und Unterdrückungssysteme zu vermitteln. Die verschiedenen Bewegungen arbeiten explizit auf dieses Ziel hin, sei es durch Führungsstrukturen, die darauf abzielen, Macht neu zu verteilen und Entscheidungen zu erleichtern; durch ihre Aktionen, die eine Form von politischem Mut und politischer Ehrlichkeit vorwegnehmen; oder auch durch ihre reflexive Arbeit und Selbstbewertung, die dazu führt, dass sie sich regelmässig neu definieren.
Bei der Gründung des Netzwerks A22 im Jahr 2022 konzentrierten sich die Mitgliedsorganisationen (wie beispielsweise Renovate Switzerland, aus dem später act now! hervorging) auf eine einzige, konkrete Forderung an ihre Regierung. Seitdem haben sich die Organisationen weiterentwickelt. Kannst du erklären, wie und warum?
Die Welle der Hoffnung von 2018–2022, in der die Regierungen aufgefordert wurden, angesichts der Klimakrise zu handeln, neigt sich dem Ende zu. Die mangelnde Reaktion der Regierungen und ihr Versagen, Verantwortung zu übernehmen, hat mehrere Bewegungen dazu veranlasst, einen Schritt in Richtung Selbstorganisation und die Schaffung alternativer demokratischer Strukturen zu machen. Meine persönliche Interpretation ist, dass dies den Bewegungen ermöglicht, weiterhin für die ihnen wichtigen Anliegen einzutreten und die für Aktivist:innen notwendige Hoffnung aufrechtzuerhalten, die durch die Abwehrmauer unserer pseudo-demokratischen Institutionen geschwächt wird. Im Idealfall sollten Menschen, die sich gegen Unterdrückung aussprechen, Gehör finden, gemeinsam sollten Lösungen erarbeitet werden, um eine tiefgreifende Problembewältigung sicherzustellen! Doch genau das geschieht nicht.
Deine Ergebnisse haben gezeigt, dass das Netzwerk A22 aus reflektierten, anpassungsfähigen und widerstandsfähigen Akteur:innen besteht, die in der Lage sind, sowohl ihre Strategien als auch ihre Taktiken im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln – je nach Kontext, äusseren Ereignissen sowie ihren eigenen Prioritäten und Überlegungen. Was bedeuten diese Ergebnisse deiner Meinung nach für die Zukunft der Klimabewegung?
Diese Ergebnisse beruhigen mich sehr! Als Aktivist wäre ich besorgt, wenn soziale Bewegungen nicht in der Lage wären, sich angesichts der zahlreichen raschen gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit weiterzuentwickeln. Andererseits stelle ich auch fest, mit welch immensen Schwierigkeiten diese Bewegungen tagtäglich konfrontiert sind. Neben der Repression ist der allgemeine Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen ein grosses Problem. Das kam in den Interviews immer wieder zur Sprache. Es ist wirklich schwierig, die Menschen aus ihren individualisierenden Fesseln und ihren Lebensgewohnheiten herauszuholen und «den Aktivismus zu ihrem Leben zu machen», wie es eine der Befragten formulierte. Ich stelle mir viele Fragen zur Zukunft der Bewegung, vor allem vor dem Hintergrund eines Umfelds, das dem Aktivismus und klimafreundlichen Haltungen zunehmend abträglich ist. Der Weg scheint noch sehr lang zu sein, aber glücklicherweise zeigen diese Akteur:innen Wege auf, die mir sehr lehrreich und hoffnungsvoll erschienen.
























